Zwischen Vergessen und Erinnern –
„Plastische Aufzeichnungen“ von André Schweers
Vergangene Kulturen, vergessene Gemäuer und verlorenes Wissen sind zentrale Sujets von André Schweers. Die ihnen eingeschriebene Vergänglichkeit der Erinnerung übersetzt er in ephemere Etuden über Raum, Form und Farbe. Seine bildhauerischen Werke sind Form gewordene Notate zwischen Vergessen und Erinnern.
André Schweers hat im Sommer 2004 auf der kleinen Wasserburg Bubenheim in der Voreifel ein außergewöhnliches Skulpturenprojekt realisiert.
Im ersten Stock des wuchtigen Wohnturms errichtete er unter einem mächtigen gotischen Bogen die begehbare Holzskulptur einer Kapelle. Die künstlerische Intervention sollte die Erinnerung an überkommene Chroniken, Maßwerkfragmente und Reste von Ausstattungsstücken wachrufen, die für Bubenheim eine mittelalterliche Kapelle bezeugen, ohne dass sich der geschliffene Baukörper im heutigen Ensemble noch lokalisieren ließe. Der drohende Verlust von Erinnerung war André Schweers’ Grund genug, für kurze Zeit in einer Installation den räumlichen und spirituellen Qualitäten des vergessenen Raumes für das bauliche Ensemble der Burg auf die Spur zu kommen. Denn als Ort der privaten Andacht und des persönlichen Zuspruchs in der Not kam der heute fast vergessenen Kapelle im religiös geprägten Mittelalter eine existentielle Funktion für das Zusammenleben auf Burg Bubenheim zu. Dafür legte Schweers in seinem Modell ein für Kulträume benutztes
archaisches Maßsystem zu Grunde, das bis heute im Kapellenbau Verwendung findet. Ihre harmonischen Proportionen übertragen sich auf den einzelnen Besucher und versetzen ihn in eine kontemplative Grundstimmung. Dass Schweers das Kapellenmodell leicht aus der Achse des gotischen Bogens herausgenommen hat, signalisiert den artifiziellen Eingriff und ephemeren Charakter des Projektes. Sein Modell verbleibt ein Katalysator, der im Ensemble mit dem gotischen Bogen und dem Wohnturm die Gestimmtheit eines historischen Ortes spürbar macht ohne selbst historisches Zitat zu sein.
Sowohl das Skulpturenprojekt als auch die auf der Burg gezeigten Reliefs aus Papier-Pulpe thematisieren die gleiche künstlerische Idee: Die menschliche Sensitivität für die Wechselwirkung von Raum, Form und Farbe wachhalten.
Raum
Bereits in seinem Frühwerk Hattuscha von 1993 formuliert André Schweers sein künstlerisches Interesse für Qualitäten historischer Orte als bildhauerische Modelle präzise. Denn im gleichnamigen Relief betreibt er keine archäologische Feldforschung, die den Eindruck zuläßt, eine Spolie aus vorgeschichtlicher Zeit wiederzuerkennen. Vielmehr transferiert er die Aura des historischen Ortes in ein Bild, das nicht auf Ähnlichkeit setzt, sondern in der Abstraktion vom historischen Gegenstand die Gestimmtheit eines Ortes erlebbar macht und in Erinnerung hält. Ein Phänomen, das uns in vielen Werken Schweers‘ begegnet. Vor dem Hintergrund dieser Erfahrung bleibt für den Betrachter das sachkundige Wissen über Hattuscha, der Hauptstadt des Hethiterreiches, zweitrangig.
Form
Auf das Formenvokabular der auf Burg Bubenheim präsentierten zentralen Werkgruppe der Pigeonniers greift der Künstler immer wieder zurück. Unterhält man sich mit ihm über die Pigeonniers, so erzählt er von seinen Reisen nach Frankreich, bei denen er immer wieder auf intakte und verfallene Taubenschläge aufmerksam wurde, fasziniert von ihrem Raumsystem, ihrer gleichförmigen formalen Ordnung und den Spuren ihrer eingeschriebenen Vergänglichkeit.
Auch wenn die gegossenen und pigmentierten Tafeln der Pigeonniers an Taubenschläge, Bienenkörbe, Höhlensysteme oder Stadtmodelle erinnern, ist da zunächst einmal die einzelne Form des Bogens: Der Archetyp einer von Menschenhand erdachten plastischen Form von solider statischer Stabilität. Heute noch sichtbar findet er sich für uns bei archaischen Behausungen und Totenstätten, antiken Viadukten und Aquädukten und nicht zuletzt in altertümlichen Toren wieder.
Die Präsentation der Pigeonniers vor dem Hintergrund der verfallenen Burgmauern lenkt die im Relief scheinbar erdachte spielerische Ordnung auf den meditativen Rhythmus einer konstruktiven Archaik.
Farbe
Für den Werkblock der bibliotheca conservata hat André Schweers im unrestaurierten Teil der Burg eine Mauer ausgewählt, in der sich eine kleine gotische Nische befindet. Die Reihung der Tafeln schien aus der Nische hervorzutreten, sich auf der Wand streng hierarchisch zu ordnen und in einer Farbsinfonie den Raum koloristisch einzustimmen.
Wieder arbeitet der Künstler mit einem Erinnerungsmodell. Hier sind es alte kostbare Bücher - Speicher von Wissen und Kultur. Die Papierblöcke der bibliotheca conservata lassen mit ihren senkrechten Reliefs an Schriften denken, ohne wirkliche Bücher zu sein. Ihre Farbintensität, die von einem hellen orange bis zu einem dunklen rubinrot reicht, erinnert an Inkunabeln, die Kostbarkeit von Wissen in der Form von handgeschriebenen Wörtern in sich bergen.
Einmal mehr zeigt sich in einer Werkgruppe André Schweers’, dass es nicht um die Rekonstruktion von Trouvaillen wie historische Bücher geht, sondern dass es gilt, eine Stimmung wachgerufen, die einen umgibt, wenn man in jahrhunderte Jahre alten Schriftstücken blättert oder eine historische Bibliothek betritt. Mit Sicherheit gehören die bibliotheca conservata zu den radikalsten Werken, wenn mit ihnen jenseits eines historischen Motivs das Material Farbe zum Thema gewählt wird, das über die Formbegrenzung hinaus frei in den Betrachterraum ausstrahlt.
Das Ausstellungsprojekt Burg Bubenheim war für André Schweers’ eine künstlerische Zeitreise, auf der er untergegangenen Kulturen, entlegenen historischen Orten und vergessenem Kulturgut begegnete - seinen favorisierten künstlerischen Modellen.
Michael Hering